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Die Ikonographie

Zu sagen, dass die Themen der “Transparente” von Mendrisio zur Heiligen Geschichte gehören, ist sicher korrekt, es würde jedoch eine Reduzierung bedeuten. Ausserdem ist es ohne Kenntnisse über ihre Geschichte und über ihre unterschiedliche Herkunft nicht möglich, zu einem stimmigen Bild zu gelangen.

Von der ersten Serie der “Tore”, die vielleicht von Fra' Antonio Maria Baroffio zwischen 1780 und 1794 in Auftrag gegeben wurde (vermutlich bis zu seinem Tode im Jahre 1798) kennen wir 18 Themen, eine Verflechtung aus Via crucis und Via Matris aus den Evangelien und weiteren Quellen. Die Parallele zwischen den beiden Figuren wird bestätigt durch die beiden “Bögen”, die Bagutti zugeschrieben werden (bei denen es sich eventuell um die Konsolen für ein verschwundenes “Tor” handelt) und die heute in der Via Nobili Rusca ausgestellt sind: «Passio filii erat passio Matris». Wenn man die übrigen Werke betrachtet, erkennt man auch, dass die Figur der Maria oft so angebracht ist, dass sie im Verhältnis zu ihrem Sohn möglichst nicht gleichrangig erscheint. Daraus ist zu schliessen, dass eines der Ziele dieser Werke in einer Art Werbung für die Auftraggeber, die Serviten Marias bestand, die in schwierigen Zeiten, die die Brüder durchmachten, als notwendig erachtet wurde. Doch wenn man weitere Szenen untersucht, entdeckt man edlere Motive. Beispielsweise in der Szene der Geisselung, wo Christus an eine konische Halbsäule angebunden ist, vielleicht ein Teil derjenigen, die in der romanischen Kirche Santa Prassede aufbewahrt wurde und die als Original angesehen wird, wodurch der Szene ein gewisser “historischer Wert” verliehen wird. Auch die Entscheidung, zwei Werke dem Thema Gebet im Garten zu widmen, das noch vorhandene und ein verschwundenes, wo Christus die Jünger aufweckt, hatte vielleicht das Ziel, die Absicht der gesamten Serie zu unterstreichen: in den Gläubigen die Anteilnahme an Glaubensereignissen neu zu wecken.

Eine weitere Serie, die sogenannte “Viscardi-Serie” , die vermutlich aus dem frühen 19. Jahrhundert stammt, verdeutlicht Entscheidungen bezüglich der Bildersprache, die auf eine hervorragende Kenntnis der Quellen schliessen lassen, da sie aus 9 Szenenpaaren bestehen, wobei links eine Szene aus dem Neuen und rechts eine aus dem Alten Testament zu sehen ist; zum Beispiel: Christus im Grab und Jonas im Bauch des Walfischs; Christus wird verspottet und Samson am Mühlstein; Judas verkauft Christus und Josef wird von seinen Brüdern verkauft.

Mit der nachlassenden Überwachung der Themenauswahl durch die Kirchenvertreter findet man einerseits eine Wiederholung derselben Szenen, eine Ausweitung auf weitere, der logischen “vorherigen” hebräischen (Kain und Abel, die Opferung Isaaks, Die Geschichten von Moses), die Einführung weiterer, weniger eng mit dem Thema Passion verbundener Szenen, die sich aber weiterhin auf das Leben Christi beziehen (Die Samariterin am Brunnen, Die Übergabe der Schlüssel an Petrus), andererseits aber auch “naive” wie banale Entscheidungen: Das Antlitz Christi oder Marias oder Magdalenas, oder irgendeines Propheten oder Engels; nicht zu reden von den Gegenständen, die mit der Passion in Zusammenhang stehen (Nägel, Lanzen, usw.) oder Schriftrollen. Hier heben sich einige Transparente ab (die leider nicht mehr gezeigt werden), die praktisch nur der geometrischen Dekoration gewidmet sind, mit einigen heiligen Symbolen; diese waren teils durch die Schwierigkeiten ihrer Schöpfer bei der Darstellung von Personen bedingt, mit Ergebnissen, die entschieden besser waren als die schlechten, dilettantischen Kopien berühmter Werke. Ein Thema könnte man als “laizistisch” bezeichnen, das Transparent mit Verzierungen rund um die Schweizer Flagge. Man sagt, dass der Auftraggeber, eindeutig ein Liberaler und vielleicht auch Atheist, an der Veranstaltung im Dorf teilnehmen wollte, ohne darauf zu verzichten, auf charmante Weise seine Ideale zur Schau zu stellen. Dies ist wohl der beste Beweis für die Kraft und Vitalität dieser hundertjährigen Tradition, über jedes Credo und jede Ideologie, die mit kurzen Geschichtsperioden verbunden sind, hinaus.